Autor: Maciej Małaj

Lesezeit: 7 Minuten

Dokumentarische Fotografie: Willkommen in der Nische

Was passiert, wenn ein Fotograf drei oder sechs Stunden bei einer Familie zu Hause verbringt? Ist dokumentarische Fotografie gleich Lifestyle Fotografie? Auf jedem Fall wollen immer mehr Menschen ihr echtes Leben abbilden lassen. Ist dieser Job zukunftsträchtig? Schon jetzt sei gefragt: Kann man allein mit dieser Betätigung über die Runden kommen? Stephanie Richartz, Dokumentarische Fotografin, hat während unseres Facebook-Livechats reichlich davon erzählt.

Dokumentarische Fotografie oder Lifestyle Fotografie?

Es geht um das Gleiche, oder? Es handelt sich doch darum, die Menschen in ihren Alltagssituationen zu begleiten, nicht wahr? Ja und Nein.

Wenn du deinem Pärchen sagst: Stellt euch so und so hin. Oder wenn du dem Kind einen Witz erzählst, damit es lacht, dann reden wir von Lifestyle Fotografie. Merkst du schon den Unterschied?

 

Complete Set Richartz

Quelle: stephanie-richartz.de

Na klar. Als dokumentarischer Fotograf kannst und solltest du sogar mit deinen Models interagieren. Es ist nichts Schlimmes daran, einen Witz zu erzählen, so wie man es schon mal unter Bekannten macht, um eine entspannte Atmosphäre aufrechtzuerhalten. Allerdings - und das ist der entscheidende Unterschied: der dokumentarische Fotograf versucht zu keinem Zeitpunkt, ein bestimmtes Verhalten oder eine konkrete Pose anzuleiten. Seine Aufgabe ist es nämlich, die Wirklichkeit zu wiedergeben.

spontanes Foto

 

„Warum hast du diesen Schrank nicht retuschiert“ - könnte ein typischer Familienfotograf fragen. „Weil der Schrank in der Realität genauso aussieht“, würde dieser oder jener Doku-Fotograf antworten.

 

Was ist denn eigentlich Dokumentarfotografie? Geht es tatsächlich um den „Alltag“?

Und wieder: jein. Stell dir Folgendes vor: Ein Fotograf geht in das Haus der Familie, die er fotografieren wird. Jeder sitzt gerade in seinem Zimmer und macht sein Ding. Sollte der Fotograf jetzt in der ganzen Wohnung herumlaufen, um jeden Einzelnen fotografisch festzuhalten? Das wäre Blödsinn. Klar….obwohl es purer Alltag ist.

 

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Quelle: stephanie-richartz.de

 

Deshalb versucht der dokummentarische Fotograf eher das abzubilden, was die Familie normalerweise gemeinsam tut.

Wie kommt man an die Kunden?

Website, Instagram, Werbung. Ja. Das funktioniert. Aber bei Stephanie ist Mundpropaganda besonders effektiv. Dabei spielen Danksagungskarten und Fotobücher eine besonders große Rolle. Sie behauptet, dass "die Fotobücher und Alben „ihr bestes Werbeinstrument sind“. Diese Printprodukte schweigen zwar, sind zugleich aber so aussagekräftig, dass sich die Familie und die Freunde des Kunden schnell von seiner Fotokunst begeistern lassen.

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Quelle: stephanie-richartz.de

 

Das Vorgespräch: So beginnt das Abenteuer

Der Kunde greift zum Telefon. Ein Vorgespräch beginnt. Schon hier hat man eine Chance zu klären, ob es dem Kunden um genau diese Art der Fotografie geht, die Stephanie anbietet. Was für Fotos wünscht ihr? Wenn es um schöne Kleidung, Posen und gestellte Aufnahmen geht, leitet sie die Kunden an diejenigen Kollegen weiter, die sich eher mit angeleiteten Shootings beschäftigen. Sonst wäre ihr Kunde nicht hundertprozentig zufrieden. Der Ansatz des dokumentarischen Fotografen ist doch so anders…

 

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Quelle: stephanie-richartz.de

 

Möchtet ihr etwas im Freien unternehmen oder lieber zu Hause bleiben? Was für Rituale habt ihr ? Das kann ein gemeinsames Frühstück sein. Gemeinsames Kuchenbacken geht auch. Alles Erdenkliche. Aber Vorsicht. Das mit dem gemeinsamen Kuchenbacken macht nur dann Sinn, wenn die Familie sich tatsächlich ab und zu in der Küche trifft und zusammen einen leckeren Strudel usw. zubereitet. Wenn es dann nämlich zu einem Shooting kommt, werden sie sich authentisch verhalten.

 

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Der Ansatz: Da kommt der Fotograf in die Wohnung. Machen wir mal was Ungewöhnliches ist deshalb falsch. Und das klärt man vorab.

Und nun kommt die Überraschung

Stephanie nimmt jedes ihrer Objektive mit. Das Unvorhersehbare gehört zum Job des Doku-Fotografen. Man weißnie, mit welchen Licht- und Raumverhältnissen zu rechnen ist. Man kennt die Location nicht. Man weiß nicht, was die Kinder so alles anstellen werden. Deshalb muss man sonst auch immer konzentriert arbeiten.

Einmal wurde Stephanie von einem Kunden beauftragt, bei dem sie schon mal zu Hause war. Sie wusste also was zu erwarten ist. Kleine Wohnung. Viele Schatten. Na ja. Man muss ISO hoch einstellen und am besten nur wenig Tageslicht hereinlassen. Dann haben sie einen Termin um die Mittagszeit vereinbart. Als sie sich vor Ort einfand, kam die Überraschung: Sie sind umgezogen. Nun war es ein großes Haus mit riesigen Fenstern. Der Tag war total sonnig und die Familie entschied, dass sie am liebsten draußen spielen würden. Puh! Auch mit solchen Herausforderungen muss man zurechtkommen.

Klopf, klopf! Das bin ich, Fotograf!

Noch vor dem „Klopf klopf““ fotografiert Stephanie die Wohnung oder das Haus von außen. Ein guter Einstieg. Dann geht’s rein. Sie zieht die Schuhe immer aus, auch wenn sie nicht explizit darum gebeten wird. Dabei geht es hier nicht mal nur um gute Manieren. Um echtes Leben fotografisch festzuhalten, muss man sich manchmal zum Beispiel auf ein Sofa stellen.

Möchten Sie was zu trinken? Das Angebot kommt fast immer und es wird immer angenommen. Warum? Jetzt hat sie Zeit, sich umzuschauen und die Familienmitglieder können sich an ihre Gegenwart gewöhnen. Danach geht es natürlich nicht so los nach dem Motto „Schluss mit Kaffeetrinken und los geht’s mit Fotografieren.“Das erfolgt dann eher ganz spontan.

 

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Quelle: stephanie-richartz.de

 

Was passiert während des Dokumentarshootings?

Ein Shooting dauert - je nach Paket - zwischen 2 und 6 Stunden. Nichts wird inszeniert. Ein Improvisationstheater in seiner puresten Form spielt sich ab. Das Leben läuft ganz normal weiter. Man muss nicht toll aussehen oder schicke Kleidung tragen.

Auf ihrer Webseite beschreibt Stephanie das Element des Spontanen so:

„Vielleicht ist es die kleine Haarsträhne, die immer ins Gesicht fällt und sich niemals durch eine Haarklammer bändigen lässt, vielleicht der schelmische Blick oder ein typischer Gesichtsausdruck, möglicherweise die kleine Hand, die so oft nach der Großen greift oder die Flucht in Mamas oder Papas Arme".

 

Die Familie bestimmt die Location und das, womit sie sich beschäftigen. Nur dann sind die Erinnerungenecht. Rückblickend denkt sich der Kunde: So haben wir ausgesehen. So sah unser Leben in Wirklichkeit aus. Nicht dass wir irgendeine Pose haben einnehmen müssen.

 

Wie viele Fotos entstehen während solcher Sessions?

Stephanie drückt etwa 500 mal auf den Auslöser. Bei Kindern, die Fahrrad fahren oder sich einfach auch sonst schnell bewegen, kommen natürlich etwas mehr Bilder bei raus. Sie versucht es damit aber nicht zu übertreiben, weil man ja dann auch später alles nachbearbeiten muss.

 

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Quelle: stephanie-richartz.de

 

Trotzdem rät sie angehenden Dokumentarfotografen, bei den ersten Terminen mehr Bilder zu machen. Man lernt doch mit und braucht manchmal einfach mehr Fotos, um dann die richtig guten Highlights auswählen zu können.

Im Endeffekt bekommt der Kunde aber in etwa 70 bis 120 Bilder zu sehen. Sooo viele...? Würde sich dabei auch mancher Familienfotograf wundern. Man muss aber im Auge behalten, dass der Doku-Fotograf unzählige Szenen vor Augen bekommt, wobei man im Studio mit nur mit zwei bis drei ganz vorhersehbaren Settings arbeitet. Hier passiert aber sooo viel mehr! 30 Bilder würden die erzählte Geschichte nur unvollständig wiedergeben!

 

Welche Bilder und Fotoprodukte bekommt der Kunde?

Oft kommen schwarzweiße Bilder im Rahmen einer Doku-Fotografie gut an. Stephanie entscheidet bei jeder einzelnen Aufnahme, ob sie besser in Grautönen oder vielfarbig zur Geltung kommt.

Zu de bei ihr erhältlichen Paketen gehören u. a. 25 Doppelseiten starke Fotoalben, die den Kunden meist sehr gut gefallen und in der Zukunft noch mehr Kundschaft anziehen.

 

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Quelle: stephanie-richartz.de

 

Eine Slideshow bereitet sie nach jedem Shooting vor. Früher erfolgte es per Online-Galerie, doch dann überlegte sie sich: Du steckst so viel Aufwand und Gefühl in die Fotos. Dann schickst du eine E-Mail mit dem Link zur Galerie an deine Kunden und wartest. Es ist stressvoll. Stephanie möchte die Emotionen ihrer Kunden hautnah miterleben: „Das ist eine Form von Egoismus, die ich mich gönnen möchte“. Heute zeigt sie ihre Bilder nun persönlich. Auch bei der Präsentation werden die Kinder involviert.

 

Kann man von dokumentarischer Fotografie leben?

Der Trend, das echte Familienleben von Kunden fotografisch und vor allem authentisch festzuhalten...kommt aus den USA. Auf dem deutschen Markt ist es immer noch eine Nische. Das heißt zwar, dassnicht alle Profis allein mit diesem Typ der Fotografie ihren Unterhalt bestreiten können. Die gute Nachricht aber ist , dass die Nachfrage ständig wächst und die Konkurrenz auf dem Markt noch relativ klein ist.

 

 

Stephanie_Richartz — kopia

Stephanie Richartz - Fotografin aus Köln. Sie fotografiert seit 2012, schon in der Jugend hat sie diese Leidenschaft ausgelebt. Seit 2015 spezialisiert sie sich in dokumentarischer Fotografie. Sie hat bereits Workshops und Einzelcoachings zu diesem Thema organisiert. Nun konzentriert sie sich darauf, den gemeinsamen Austausch unter gleichgesinnten Profis anzukurbeln, indem Sie die Facebook Gruppe Echtes Leben zeigen gestartet hat. Sie arbeitet mit der Canon 5DMK4 und 6T. Privat ist sie Mutter von 2 Kindern.

Bist du schon in unserer Facebook Gruppe? Mach mit und hör dich das ganze Gespräch an!

 

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